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Sonntag, November 27, 2022

SAP: Die Zeit drängt für Vorstandschef Klein

SAP steht am Wendepunkt: Noch dürfte die verstärkte Ausrichtung auf Cloud-Software die Ergebnisse belasten, wenn das Dax-Schwergewicht an diesem Dienstag die Zahlen für das dritte Quartal vorlegt. Anleger erwarten aber von Christian Klein ein deutliches Zeichen. Was im Unternehmen los ist, was Analysten sagen und was die Aktie macht.

Europas größter Softwarehersteller SAP steht am Wendepunkt: Noch dürfte die verstärkte Ausrichtung auf Software zur Nutzung über das Netz (Cloud) die Ergebnisse belasten, wenn das Dax-Schwergewicht an diesem Dienstag (25. Oktober) die Zahlen für das dritte Quartal vorlegt. Anleger erwarten aber von Chef Christian Klein ein deutliches Zeichen, dass es wie versprochen im kommenden Jahr dafür um so schwungvoller nach oben geht mit den Gewinnen. Was im Unternehmen los ist, was Analysten sagen und was die Aktie macht.

DAS IST LOS IM UNTERNEHMEN:

Einen kleinen Vorgeschmack auf das, was kommt, hatte das Management um Klein und den scheidenden Finanzvorstand Luka Mucic bereits zur Jahresmitte gegeben – da konnten Investoren halbwegs gute Nachrichten angesichts schwacher Zahlen und der gesenkten Ergebnisprognose auch gebrauchen. Klein deutete unverhohlen an, dass die mittelfristigen Ziele für das Jahr 2025 bei Umsatz und Ergebnis nach oben revidiert werden dürften in den kommenden Quartalen. Der nach wie vor sehr schwache Euro dürfte dieses Vorhaben weiter untermauert haben, sodass es nun schon zu entsprechenden Updates kommen könnte.

Deutlich weniger rosig wird die aktuelle Lage sein – auch wenn die Wechselkurse viel Schub verleihen, denn das US-Geschäft macht bei SAP einen großen Anteil aus. Im operativen Geschäft dürfte es dieses Jahr wegen hoher Investitionen in die Cloud-Infrastruktur und in die Produkte den zweiten Rückgang beim operativen Ergebnis in Folge geben, wenn die Wechselkurseffekte ausgeklammert werden. Kommendes Jahr dann will SAP die Ernte einfahren, ab dann soll das Ergebnis prozentual zweistellig zulegen.

Kleins verschärfter Cloud-Kurs trug zuletzt bereits Früchte, das unter seiner Führung ersonnene Produktbündel „Rise“ zum vereinfachten Umstieg der Kunden in die Cloud wuchs kräftig. Aber das muss es auch, denn die US-Wettbewerber sitzen den Badenern im Nacken – und haben sie teils schon überholt.

Erzrivale Oracle wuchs im vergangenen Geschäftsquartal (Ende Juli) mit seinen Programmen zur Unternehmenssteuerung aus der Cloud (Fusion und Netsuite) weiter deutlich. Zusammen hatten die beiden Programme bereits im vierten Geschäftsquartal 2021/22 (Ende April) die Schwelle von einer Milliarde Dollar Umsatz überschritten.

SAP kam mit seiner Kernsoftware S/4 Hana – gepusht durch das „Rise“-Angebotspaket – zuletzt auf 72 Prozent währungsbereinigtes Wachstum im Quartal. Allerdings ist die Software für SAP-Verhältnisse noch relativ klein mit 472 Millionen Euro Quartalsumsatz.

Der andere US-Rivale, der vor allem auf Vertriebssoftware spezialisierte reine Cloud-Anbieter Salesforce, dürfte SAP in diesem Jahr mit Unternehmenssoftware insgesamt überholen. Beim Gesamtumsatz plant Salesforce auch dank des übernommenen Messenger-Dienstes Slack bis zu 31 Milliarden Dollar ein. Im 2026 endenden Geschäftsjahr sollen es sogar 50 Milliarden Dollar werden. Das dürfte SAP selbst mit einer Erhöhung der bisher für 2025 avisierten mehr als 35 Milliarden Euro nicht kontern können.

Die verstärkte Besinnung auf die wachstumsintensivere Cloudsoftware kam bei SAP spät. Klein-Vorgänger Bill McDermott kaufte zwar allerhand teure Cloudfirmen zu, kümmerte sich aber kaum um die Verzahnung mit dem sonstigen Angebot. Zudem waren die Kunden und auch die Walldorfer selbst lange zaghaft beim Umstieg in die Cloud bei der klassischen SAP-Domäne, der Software zur Unternehmenssteuerung (ERP – Enterprise Resource Planning).

Klein muss spätestens im kommenden Jahr also die Trendwende liefern. Als Finanzchef zur Seite stehen wird ihm ab dem Frühjahr dann der bisherige Airbus-Manager Dominik Asam. Der frühere Infineon-Finanzvorstand hat viel Überzeugungsarbeit vor sich: Die Ankündigung der Demission seines Vorgängers Luka Mucic löste am Kapitalmarkt deutliche Irritationen aus, auch weil sich Führungswechsel bei dem Unternehmen in der jüngeren Vergangenheit häuften – nicht immer ging es dabei harmonisch zu.

Einigen Investoren ist der Einfluss von Mitgründer und Aufsichtsratschef Hasso Plattner auf die Geschicke des deutschen Tech-Vorzeigeunternehmens dabei zu groß.

DAS SAGEN ANALYSTEN:

Sehr optimistisch gab sich in seiner jüngsten Studie JPMorgan-Analyst Toby Ogg. SAP habe einen Wendepunkt erreicht – die Cloudgeschäfte dürften jetzt zum dominanten Umsatzstrom werden, was das Finanzprofil scharf umkrempeln sollte angesichts des angestrebten zweistelligen Ergebniszuwachses ab 2023. Das sei im Aktienkurs nicht enthalten und dürfte ab dem Quartalszahlenwerk für Aufschwung sorgen. SAP sei in der derzeit schwierigen konjunkturellen Lage nach unten gut abgesichert, weil ein Großteil der Erlöse wiederkehrender Natur sei. Die Bewertung liege derzeit fast auf dem Niveau der Talsohle im Covid-Börsencrash.

Die defensiven Qualitäten von SAP dürften rund um das Zahlenwerk denn auch im Fokus stehen, urteilt Baader-Bank-Experte Knut Woller. In den bereits gesenkten Ergebnisaussichten für dieses Jahr seien die Belastungen des Kriegs von Russland gegen die Ukraine enthalten, wie auch die Effekte des schnelleren Umstiegs von Kunden weg von teurer Lizenzsoftware hin zu Cloudsoftware in der aktuellen wirtschaftlichen Lage. Daher sieht er nur die begrenzte Gefahr einer weiteren Enttäuschung beim Ausblick.

Das operative Ergebnis sollte im dritten Quartal den Tiefpunkt erreicht haben, schrieb Mohammed Moawalla von Goldman Sachs. Das Cloudgeschäft dürfte währungsbereinigt um 25 Prozent wachsen. Nordamerika und Westeuropa dürften sich als widerstandsfähig erweisen. Die Wettbewerbslage bessere sich bei Software fürs Personalmanagement und den Einkauf.

Die Analysten rechnen laut der vom Unternehmen in Auftrag gegebenen Ergebung im Schnitt mit einem Umsatzplus von elf Prozent auf 7,6 Milliarden Euro. Viel vom Anstieg dürfte vom schwachen Euro herrühren. Die Cloudsparte wird wohl weiter der Wachstumstreiber sein, mit einem Anstieg von rund einem Drittel auf 3,19 Milliarden Euro Erlös. Das um Sondereffekte bereinigte Konzernergebnis vor Zinsen und Steuern dürfte um 16 Prozent auf 2,0 Milliarden Euro sinken. Beim Gewinn unterm Strich rechnen die Experten mit 790 Millionen Euro nach 1,42 Milliarden vor einem Jahr.

DAS MACHT DIE SAP-AKTIE:

Nachdem sich die Aktie bis Anfang des Jahres aus ihrem Tief herausgearbeitet hatte und wieder auf dem Niveau lag, das der Kurs vorm Kassieren der damaligen Mittelfristziele im Herbst 2020 hatte, ging es danach wieder scharf mit dem Markt bergab. Von um die 120 Euro fiel das Papier bis deutlich unter 90 Euro und im September sogar kurz unter die Marke von 80 Euro. Zuletzt pendelte der Kurs um die 90 Euro. Mit einem Minus von rund 28 Prozent liegt SAP in diesem Jahr im hinteren Mittelfeld im Dax.

Den Platz des Dax-Primus als wertvollster deutscher börsennotierter Konzern hat SAP schon vor geraumer Zeit abgeben müssen. Mit einem Börsenwert von derzeit rund 109 Milliarden Euro ist der Abstand zum Spitzenreiter Linde mittlerweile beachtlich, der Gasekonzern bringt rund 143 Milliarden auf die Waage.

Zum Vergleich: US-Konkurrent Oracle kommt bei der Marktkapitalisierung auf rund 187 Milliarden Dollar (191 Mrd Euro), Salesforce auf 158 Milliarden Dollar. Langfristig ist SAP an der Börse immer noch eine Erfolgsgeschichte. Gegen Ende der Nuller-Jahre war das seit 1988 an der Börse gelistete Papier um die 35 Euro wert. Im September 2020 erreichte die Aktie ihr Rekordhoch bei über 143 Euro. (dpa)

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