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Dienstag, Juli 16, 2024

«Epidemie des Ladendiebstahls» entsetzt Händler

Britische Medien sprechen bereits vom «Jahr der Ladendiebe». Die Zahl der Vorfälle ist gewaltig gestiegen, auch Mitarbeiter werden attackiert. Nun greifen Konzerne zu einer ungewöhnlichen Maßnahme.

Die Diebe werden immer dreister und aggressiver – und sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten. «Es gibt Mütter, die Waren in Kinderwagen stecken, es gibt Rentner, Kinder und Teenager auf Rädern», erzählt Benedict Selvaratnam, dem ein kleiner Supermarkt in Südlondon gehört, der BBC. Bis zu neun Ladendiebstähle am Tag habe er gezählt. «Wir sehen einen großen Anstieg bei organisierten Banden, die auf Bestellung stehlen, ob Kaffee, Honig oder Fleisch.»

Wie Selvaratnam geht es nicht nur vielen Inhabern von convenience stores, kleinen Läden, die ihre Viertel mit Lebensmitteln, aber auch anderen Waren des täglichen Gebrauchs versorgen. Auch die großen Einzelhandelsketten in Großbritannien beklagen eine deutliche Zunahme von Diebstählen. Die Chefin des Kaufhausbetreibers John Lewis, Sharon White, sprach jüngst von einer «Epidemie», die Zeitung «Mirror» nannte 2023 «das Jahr der Ladendiebe».

Zahlen des Handelsverbands British Retail Consortium (BRC) zeigen, dass gemeldete Diebstähle in England und Wales 2022 um rund ein Viertel (26 Prozent) gestiegen sind. Den Schaden schätzt der BRC auf fast eine Milliarde Pfund (1,16 Mrd Euro) im Jahr. «Eindeutig inakzeptabel» nannte Premierminister Rishi Sunak die Lage.

Die Branche macht in erster Linie gestiegene Lebenskosten für die zunehmenden Diebstähle verantwortlich. Wurden zuvor in erster Linie teure Gegenstände gestohlen, würden nun häufiger Alltagsprodukte geklaut, sagt Muntazir Dipoti, der Präsident des Verbands Federation of Independent Retailers, der unabhängige Händler vertritt.

Doch auch moderne Phänomene spielen eine Rolle. So gebe es immer mehr Jugendliche, die sich beim Stehlen filmen und die Clips auf Plattformen wie Tiktok hochladen – andere ahmen das nach. «Es ist schlimmer als je zuvor», sagt der Handelsexperte Scott Dixon dem «Mirror». Ladendiebe würden immer schamloser.

Beleidigungen und sogar Attacken von Mitarbeitern nähmen zu, zitierte die Nachrichtenagentur PA den Verbandschef Dipoti. Dutzende Eigentümer hätten zuletzt aufgegeben, vor allem Frauen würden sich nicht mehr trauen, allein in den Shops zu arbeiten. Besitzer Selvaratnam hat eine Glasscheibe an seiner Theke anbringen lassen, um Kassierer zu schützen, sowie Dutzende Überwachungskameras installiert. Aber das reiche immer noch nicht aus.

«Wir brauchen eine stärkere Polizeipräsenz, vor allem abends», sagt Selvaratnam. Wenn er mal die Polizei gerufen habe, sei sie nicht aufgetaucht. Auch deshalb melden viele Ladenbesitzer Diebstähle gar nicht. Die Londoner Polizei hat eingeräumt, dass sie bei weitem nicht allen Diebstählen nachgehen könne. Verbandschef Dipoti fordert als ersten Schritt eine Einmalzahlung an alle Shop-Besitzer in Höhe von 1500 Pfund für Sicherheitsmaßnahmen. «Die Händler würden sich ernstgenommen fühlen und unterstützt, das würde ihnen Selbstvertrauen geben», sagt er.

Kleine Läden und große Unternehmen gleichermaßen klagen aber auch über laxe Strafen. Wer Ware im Wert von maximal 200 Pfund stiehlt, kommt in aller Regel mit einer geringen Geldstrafe davon. «Ladendiebstahl wurde faktisch entkriminalisiert», sagt Handelsexperte Dixon.

Große Einzelhandelsketten wie Sainsbury’s, Tesco oder Waitrose greifen auf eigene Kosten zur Selbsthilfe. Sie haben bereits verdeckte Ermittler eingestellt und Mitarbeiter mit Körperkameras ausgerüstet. Nun wollen sie auch die Ermittlungen finanzieren. Umgerechnet 700 000 Euro zahlen insgesamt zehn Konzerne. Im Gegenzug lassen die Ermittler die Aufnahmen von Überwachungskameras durch ihre Datenbanken laufen und nutzen auch Software zur Gesichtserkennung. Die Polizei erhofft sich dadurch erstmals einen Überblick über die im Land operierenden Diebesbanden – und das, so sagt der zuständige Staatssekretär Chris Philp, werde allen Ladenbesitzern zugutekommen.

Benedict Selvaratnam ist nicht überzeugt. Er hat schon mehrmals überlegt zu verkaufen, doch noch war kein Angebot hoch genug, um seine Investitionen zu decken. «Es scheint, als müssten wir akzeptieren, dass dies der Preis für die Führung eines Kleinunternehmens ist», sagt er. «Bis sich die Lage verbessert, müssen wir weitermachen und versuchen, selbst damit klarzukommen.» (dpa)

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