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Freitag, August 19, 2022

Snabe übernimmt Siemens-Posten in unruhigen Zeiten

Der frühere SAP-Co-Chef Jim Hagemann Snabe soll einen der wichtigsten Aufsichtsrats-Chefposten in der deutschen Wirtschaft übernehmen. Der Wachwechsel fällt in unsichere Zeiten.

Jim Hagemann Snabe
Jim Hagemann Snabe kann sich auf eine breite Zustimmung stützen. Von 2018 an soll der frühere SAP-Co-Chef den Elektrokonzern Siemens als neuer Aufsichtsratschef in die Zukunft führen. Vom amtierenden Chefaufseher Gerhard Cromme und den Anlegern bekommt der 51-jährige Däne dafür viel Rückenstärkung. «Wir hoffen mit Ihnen – Danish Dynamite – dass es mit Ihnen weiter bergauf geht», sagt Bernd Günther von der Hamburger Vermögensverwaltung Idunahall. Auch Aktionärsschützerin Daniela Bergdolt hält Snabe für den richtigen Mann für das Amt. Allerdings: Er wird den Vorsitz des Kontrollgremiums in unsicheren Zeiten übernehmen, wie der besorgte Blick von Siemens-Chef Joe Kaeser auf die Politik des neuen US-Präsidenten Donald Trump zeigt.

Siemens und SAP – das sind unterschiedliche Kulturen. Snabe ist ein Software-Mann durch und durch und hat fast sein ganzes Berufsleben bei dem Walldorfer Konzern verbracht. Siemens dagegen steht auch weiterhin auf einer starken industriellen Basis – auch wenn Konzernchef Kaeser in letzter Zeit häufig die Welt von Software, virtueller Realität, Industrie 4.0 und Start-ups beschwört. Cromme und Snabe verkörpern diese beiden Welten geradezu symbolhaft, wie Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Union Investment sagt: «Der Industriekapitän übergibt das Ruder an den Digitalisierungsexperten.» Doch Snabe hat längst die Zeit genutzt, sich mit dem Konzern und seinen so unterschiedlichen Geschäftsfeldern vertraut zu machen. Seit über drei Jahren sitzt er bereits im Siemens-Kontrollgremium, wo er sich schon bisher engagiert und kenntnisreich in Diskussionen eingebracht haben soll. Erst kürzlich sprach er zudem bei einer Siemens-Führungskräftetagung in Berlin für die Digitalisierung. Beobachter beschreiben Snabe als äußerst klugen Kopf, der Menschen mit Empathie und Charisma für sich einnehmen könne und auch die Fähigkeit zu integrieren mitbringe.

Davon profitierte auch der Software-Riese SAP, den er zusammen mit dem amtierenden Chef Bill McDermott vier Jahre lang leitete. Die beiden Manager galten als gute Ergänzung: Auf der einen Seite das euphorische Verkaufstalent McDermott, auf der anderen der analytische Denker und Stratege Snabe, der mit viel Technologie- und Marktverständnis ans Werk ging und den Konzern SAP mit zum Anbieter cloudbasierter Lösungen formte. Auch bei Mitarbeitern konnte Snabe punkten – er pflege einen guten Umgang mit Menschen und habe auch einen Blick fürs große Ganze – bis hin zu sozialen Themen, heißt es. Bei seinem Abgang bei SAP dürfte derweil auch Snabes skandinavischen Sozialisation eine Rolle gespielt haben. Der damals erst 47-jährige Däne wollte sich mehr Zeit für seine Familie nehmen. In der Liga der Top-Manager ist das kein ganz alltäglicher Schritt – doch in Snabes Heimat gilt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als hohes Gut. «Ich habe das Gefühl, dass ich etwas an meine Familie zurückgeben muss», sagte Snabe damals.

Auch im Siemens-Kontrollgremium hat Snabe in den vergangenen gut drei Jahren viel Wandel mit vorangebracht – und weitere Veränderungen liegen noch vor dem Konzern. Als nächster großer Schritt soll die Medizintechnik des Konzerns an die Börse – wann und in welchem Umfang genau, hält sich die Siemens-Führung am Mittwoch noch offen. Aber auch die Digitalisierung ist aus Sicht der Aktionäre kein Selbstläufer. «Ob die digitalen Heilsversprechen der Industrie 4.0 imstande sind, Siemens dauerhaft zu neuen Höhen zu führen, muss sich erst noch zeigen», sagt Speich. Um sich seinem künftigen Amt mit voller Aufmerksamkeit widmen zu können, will Snabe die Zahl anderweitiger Mandate reduzieren. Weil Snabe auch SAP-Aufsichtsrat ist, hatten Kritiker bereits auf eine wachsende Konkurrenz zwischen Siemens und SAP verwiesen. Seine Karriere bei Europas größtem Softwarehersteller hatte Snabe 1990 als Berater in Dänemark begonnen. Seit 2008 saß er im SAP-Vorstand, von 2010 bis 2014 schließlich bildete er die Doppelspitze mit McDermott. Neben seiner Muttersprache spricht Snabe fließend Französisch, Deutsch, Englisch und Schwedisch. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Kopenhagen.

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